Zwei kleine Geschichten, die mal geschrieben habe.

Felix


„Hey, bist du unser neuer Lehrer?“ Der sechsjährige Felix, der mich nie zuvor gesehen hat, nimmt meine Hand und geht mit mir auf das Gebäude des Goethe-Instituts in Algier zu, in dem ich heute, an einem Oktobermontag des Jahres 1974, meinen ersten Arbeitstag als Lehrer haben werde. Ich bin als Student der Völkerkunde in Algier und durch einen Zufall habe ich Peter Müller kennen gelernt, einen jesuitischen Mönch, einen „Père Blanc“, der im Goethe-Institut Kurse für Algerisch-Arabisch gibt. Er hat mir die Stelle an der deutschen Schule beschafft, wo ich sechs Erstklässlern, Kindern der wenigen deutschen Diplomaten und Wirtschaftsvertreter, die in Algier leben, Lesen und Schreiben beibringen soll. Mit Felix an der Hand komme ich an einer Gruppe algerischer Kinder vorbei, die soeben Ihren Fußball verschossen haben und ihn nun suchen.

„Taht es-sayara“, ruft Felix ihnen in bestem algerischen Straßenarabisch zu, „unter dem Auto!“

„Du sprichst Arabisch?“ frage ich Felix. „Ein bisschen“, antwortet er vor sich hin nickend, während er meine Hand noch fester hält. Später erfahre ich, dass er auch Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch spricht. Das sind, mit seiner Muttersprache Deutsch sechs Sprachen. Mit sechs Jahren.

Wie kommt das? Er ist das Kind eines Diplomatenpaares, sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Französin, sein Kindermädchen Brasilianerin, und die letzte Station vor Algier war Buenos Aires. Seit einem Jahr ist die Familie in Algier und wohnt samt Kindermädchen im Hotel.

Beneidenswert, denke ich, so früh so viel von der Welt zu sehen und so viele Sprachen ohne große Mühe zu lernen. Im Unterricht stellt sich heraus, dass Felix ein aufgeweckter, schlauer Bursche ist, der schnell lernt und immer meine Nähe sucht. Sobald er kann, nimmt er meine Hand. Es ist, als wäre er mein kleiner Sohn, und ich bin fast ein bisschen stolz darauf. Andererseits muss ich darauf achten, dass sich seine fünf Mitschüler nicht benachteiligt fühlen. Auch die kommen gerne zu mir und erzählen von ihren Abenteuern in der Wüste am letzten Wochenende.

Manchmal, wenn es zu warm ist zum Lernen, dürfen meine Schüler malen. Felix malt immer dasselbe. Ein kleines Haus mit schrägem Schornstein, im grün umzäunten Garten viele Blumen und ein Baum mit roten Früchten und einem Vogel auf dem Wipfel.

„Was ist das für ein Haus?“ frage ich.

„Von meiner Oma in Hannover.“

„Da warst Du sicher schon oft“, vermute ich.

„Nein, noch nie“, antwortet Felix mit großen, ein bisschen feucht glitzernden Augen und nimmt meine Hand. „Aber im nächsten Jahr, da fahren wir hin.“ Er versucht mich anzulächeln, aber es gelingt nur halb.

Man sieht es den Leuten doch an


Sieben Uhr zehn beim Bäcker Müller in der Ottobrunner Straße. Eine Schlange von Leuten wartet an der Theke. Ein ca. 14-jähriger, etwas dicklicher Junge mit glänzenden schwarzen Locken ist dran.

Sicher kein Deutscher, denkt die Schlange. Er zahlt mit einem größeren Geldschein. Die Bäckersfrau nörgelt, ob er es nicht kleiner habe. Nein, habe er nicht. Er schaut auf die Straße, wo ein großer Mercedes mit laufendem Motor steht. Am Steuer ein korpulenter Mann mit öligen schwarzen Haaren. Kann der nicht seinen Motor ausmachen? Das machen wir hier in Deutschland so.

Der Junge nimmt sein Wechselgeld und die große Brötchentüte und geht. Ja, so sind sie, diese Ausländer, von der Sozialhilfe leben und mit dicken Autos rumfahren. Die ältere Dame vor mir in der Schlange erwartet meine Zustimmung. Ich sage nichts, weil meine eigenen Gedanken schon ein bisschen in die gleiche Richtung gedriftet waren, aber das will ich nicht zugeben.

Der Junge kommt wieder herein, die Geldscheine noch so in der Hand, wie er sie entgegengenommen hatte. Er drängelt sich zur Theke vor, hält der Bäckersfrau die Scheine hin und sagt: „Sie haben mir falsch rausgegeben.“ Aha, denkt die ganze Schlange, der gute alte Wechselgeldtrick! Zigeuner oder was? Aber nicht mit uns, wir stehen der Bäckersfrau bei, und wenn wir den Lümmel eigenhändig verprügeln müssen. Und den unsympathischen, fetten Vater draußen in seinem stinkenden Auto gleich mit. Die sollen mal sehen, dass so was bei uns hier nicht läuft.

„Was soll falsch sein?“ fragt die Bäckersfrau.

Jetzt sind wir gespannt, wie er das anstellt. Er wird sagen, er habe mit einem Hunderter bezahlt aber nur auf einen Fünfziger Wechselgeld herausbekommen.

„Es war alles korrekt“, behauptet ein großer Man in weißem Overall, „ich hab’s gesehen“. Er bekommt einen dankbaren Blick von der Bäckersfrau.

Die ältere Dame vor mir schimpft: „Hab ich mir doch gleich gedacht, dass das hier eine Betrügerbande ist. Geben Sie ihm ja nichts, das ist ein abgekartetes Spiel, hab ich schon mal im Kino gesehen.“

„Papermoon hieß der Film“, denke ich, aber sage es nicht. Ich überlege, ob ich den Betrug irgendwie verhindern kann. Die Polizei rufen? Den Burschen einfach festhalten.

„Sieh zu, dass Du Land gewinnst!“ brüllt ein weiterer Mann aus der Schlange. Zustimmendes Gemurmel. Der Junge hält seine Hand mit dem Geld unbeirrt der Bäckersfrau entgegen.

„Hast du nicht gehört? Verschwinde!“ Das war wieder der Mann mit dem Overall. „Das könnt ihr in Rumänien machen oder in Albanien, oder wo ihr herkommt, aber nicht hier bei uns, verstanden?“

Der Junge ignoriert ihn. Ziemlich abgebrüht, der Kleine, denke ich noch, dann sagt er:

„Sie haben auf 100 Euro rausgegeben, ich habe aber nur mit einem 50er bezahlt. Nehmen Sie bitte zurück.“